Artist Talk mit Lorenz Helfer


Bilder aus dem Leben des Gustav Cermak

Besonders fasziniert hat mich immer, wie Schriftsteller mit Beschreibungen umgehen; wobei mir ihr Hauptaugenmerk weniger auf dem zu liegen scheint, was schließlich in Worte gefasst wird, als auf jenen tatsächlich unendlichen Zwischenräumen, die sich, durch den Text ausgelöst, in der Fantasie des
Lesers auftun.
In verschiedenen Serien - Zeichnungen, Druckgrafiken, Ölbildern - habe ich versucht, mich mit diesen Zwischenräumen auseinanderzusetzen, so bei Kafka und bei Dostojewski. Es kam mir dabei nicht auf entscheidende Szenen an - die sind ohnehin durch den Text ausgelotet - sondern darauf, den Befindlichkeiten der literarischen Vorlagen in Momentaufnahmen nachzuspüren, die für die Geschichte scheinbar unbedeutend, weil in keiner Weise dramatisch sind. Meine Ambition war es, das Wesen von Kafka und Dostojewski noch in den kleinsten Gesten zu entdecken, in Ruhemomenten, in Blicken, im Heben einer Augenbraue, in der Art, wie eine Frau die Hand hängen lässt; und nicht nur das: Während der Lektüre dieser Autoren färbte sich meine Welt- und Menschensicht mit ihrem Geist, sodass meine Umgebung dostojewskisch und kafkaesk wurde; dass ich meine Freunde von nun an mit den Augen dessen sah, der diese Dichter gelesen hat. Das wollte ich mir in diesen Serien vom Herzen malen.

Aus der Arbeit entwickelte sich ein Gedanke: Wie wäre es, einem Romanautor gleich, eine Figur zu erfinden, von der ich mit den Mitteln der Malerei erzähle?
Seit einem Jahr nun sammle ich Gegenstände, kleine Geschichten, mache mir täglich, wenn ich mich durch die Stadt bewege, Notizen; einen Stapel Zeichnungen habe ich bereits und, was mir das Wichtigste ist, kleine Skulpturen, die mein „Held“ verfertigt hat. Mein „Held“ ist ein Erfinder. Seine Arbeit widmet sich allein einem Problem. Er ist überzeugt, dass überall wo er sich befindet und in jeder Situation ein Grundgeräusch herrscht.
Die gezeigte Arbeit stellt verschiedene Situationen aus seinem Leben dar. Sein Name ist Gustav Cermak.
Was seinen Namen betrifft, hatte ich nie Zweifel, er steht nämlich auf der Tür der Wohnung in Wien Meidling, die ich gemietet habe - ich teile also mit meiner Figur das Quartier.

Sicher, es ist eine romantische Vorstellung, das Zusammentreffen mit einem Doppelgänger, aber ich bin vernarrt in diese Idee, an deren Ende – das wünsche ich mir - eine Ausstellung über Leben und Werk von Gustav Cermak stehen soll.
Aber Cermak ist natürlich kein alter ego, im Gegenteil er hat viel weniger mit mir gemeinsam, als ich am Anfang dieser Arbeit dachte und auch wünschte und hoffte; inzwischen denke ich, er hat gar nichts mit mir gemeinsam. Er zieht davon, ich versuche, ihm zu folgen. Fast täglich kommen Tatsachen,
Begebenheiten, Gegenstände ans Tageslicht, die mich in Erstaunen versetzen.

Text: Lorenz Helfer

CV Lorenz Helfer
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